Testen bevor du baust: Warum es noch nie so einfach war, dein digitales Produkt zu validieren

Über MVPs, digitale Spielwiesen und warum der erste Pixel wichtiger ist als der Launch.

Testen bevor du baust: Warum es noch nie so einfach war, dein digitales Produkt zu validieren

Über MVPs, digitale Spielwiesen und warum der erste Pixel wichtiger ist als der Launch.

Die meisten Startups scheitern nicht so, wie man denkt.

90% aller Startups scheitern. 20% schon im ersten Jahr. Die Hälfte schafft's nicht bis Jahr fünf. Klingt brutal, ist es auch.

Aber hier kommt der Teil, der mich wirklich beschäftigt: 35 bis 42% scheitern, weil es keinen echten Marktbedarf gibt. Sie haben Monate, manchmal Jahre in etwas investiert, das niemand braucht.

Das Verrückte? Genau das lässt sich vermeiden. Nicht mit mehr Geld. Nicht mit einem grösseren Team. Sondern mit einem simplen Perspektivwechsel: Testen, bevor man baut.

MVP ist kein kleines Produkt

Ich erlebe es immer wieder: Jemand sagt «wir bauen ein MVP» und meint damit einfach eine abgespeckte Version des Endprodukts. Weniger Features, aber sonst dasselbe.

Das verfehlt komplett den Punkt.

Ein MVP – Minimum Viable Product – ist kein Produkt. Es ist ein Lernvehikel. Eric Ries, der das Konzept populär gemacht hat, sagt: Es geht um die Version, die mit dem geringsten Aufwand das Maximum an validiertem Lernen ermöglicht.

Das Schlüsselwort ist nicht «Produkt». Es ist «Lernen».

Und genau hier wird's spannend für alle, die gerade an einer Idee arbeiten: Du musst nicht erst bauen, um zu lernen. Du musst nicht (zwingend) programmieren, um zu testen.

Don't build when you can test

Alberto Savoia, früher Engineering Director bei Google, hat einen Begriff geprägt, der mir sehr gefällt: Pretotyping. Mit «e» statt «o». Sein Motto: «Make sure you are building the right it before you build it right.»

Klingt simpel, ist aber ein Gamechanger.

Beispiele, die man fast jederzeit umsetzen kann:

Fake Door Testing: Du baust einen Button für ein Feature, das noch gar nicht existiert. Wenn Leute draufklicken, weisst du: Das Interesse ist da. Buffer hat sein ganzes Business so validiert – mit einer simplen Landingpage, bevor eine einzige Zeile Code geschrieben wurde.

Concierge MVP: Du führst den Service manuell durch. Der Kunde erlebt das Endprodukt, aber hinter den Kulissen machst du alles von Hand. So lernst du exakt, welche Schritte wirklich nötig sind.

Landing Page Tests: Eine einfache Seite mit Value Proposition und Call-to-Action. Wer sich anmeldet oder klickt, zeigt echtes Interesse – nicht nur «ja, klingt nice».

Das Brillante daran: Du testest nicht nur Features. Du testest Botschaften, Preise, Positionierungen. Alles, bevor das eigentliche Produkt existiert.

Die Spielwiese

Hier kommt der Teil, der mir persönlich am wichtigsten ist.

Wenn du so denkst – testen statt hoffen, lernen statt raten – entsteht plötzlich eine kleine Spielwiese. Ein Raum, in dem du die ersten Schritte machen darfst. Wo du spielerisch herausfindest, was funktioniert und was nicht.

Das ist keine Kleinigkeit.

Der Unterschied zwischen «wir haben ein Jahr entwickelt und dann gemerkt, dass es nicht funktioniert» und «wir haben in zwei Wochen getestet und wissen jetzt genau, was wir brauchen» – das ist nicht nur finanziell enorm. Es ist auch emotional ein komplett anderes Erlebnis.

Du traust dich mehr. Du experimentierst mutiger. Du lernst schneller.

Und dann passiert Magie: Es entstehen innovative Ideen, überraschende Gestaltungen, kreative Lösungen. Weil du ganz genau weisst, was du brauchst für das finale Produkt oder die nächste Version.

Es geht nicht darum, perfekt zu starten. Es geht darum, schlau zu starten.

Die Low-Code/No-Code Revolution

Jetzt kommt ein Punkt, der mich als Designer und Entwickler richtig begeistert.

Der globale Low-Code/No-Code-Markt wurde 2024 auf 10,46 Milliarden Dollar geschätzt. Bis 2030 soll er auf 82 bis 187 Milliarden wachsen. Aber Zahlen sind abstrakt. Was heisst das konkret?

Schon 2025 werden etwa 70% der neuen Anwendungen Low-Code oder No-Code nutzen. 2020 waren es noch unter 25%. 2026 werden wohl 75 bis 80% aller Tech-Produkte von Nicht-IT-Profis entwickelt.

Lies das nochmal: Nicht-IT-Profis.

Die Entwicklungszeit sinkt um bis zu 90% gegenüber traditioneller Programmierung. 70% der Erstnutzer beherrschen diese Plattformen in unter einem Monat. 72% können Apps in unter drei Monaten bauen und launchen.

Das bedeutet: Es war noch nie so einfach und günstig, digitale Ideen zu testen. Die Grenzen zwischen Design und Code verschwimmen. Und das ist gut so.

Beispiele aus der Praxis: Weniger ist mehr.

Theorie ist schön, aber ich zeig dir lieber, wie das konkret aussieht.

Beispiel 1: Digitales Roadshow-Tool

Eine Event-Firma ohne internen Digital-Ressourcen brauchte ein System für die Roadshows Ihres Kunden. Teilnehmerdaten, Scores, Live-Displays. Kein Budget für komplexe App-Entwicklung.

Unsere Lösung: Google Forms für Registrierung, Google Sheets als Datenbank, ein bisschen JavaScript für Live-Scoreboards. Fertig.

Investition: Rund CHF 2'000.–.

Ergebnis: Ein funktionierendes System, das die Kernfunktionen abdeckt und modular erweiterbar ist. Keine Monate Entwicklung. Echte Erkenntnisse über Nutzung und Bedarf. Wiederverwendbar weil Simpel.

Beispiel 2: Statisches HTML5-Quiz

Gleiche Firma, neues Kundenprojekt: Ein interaktives Quiz für Events. Sollten wir dafür eine App entwickeln?

Stattdessen: Ein statisches HTML5-Quiz. Kein Server, keine Datenbank, keine laufenden Kosten. Eine HTML-Datei, die im Browser läuft.

Investition: Rund CHF 2'200.–.

Vorteile: Offline-fähig, keine Datenschutzprobleme, einfach anpassbar. Und vor allem: Echte Erkenntnisse, ob die Grundidee überhaupt trägt.

Wenn es funktioniert, kann man später immer noch grösser denken. Aber man hat mit minimalem Risiko validiert.

Design Sprint: MVP-Denken in 10 Tagen

Eine Methode, die ich sehr schätze, ist der Design Sprint von Google Ventures. In zehn Tagen von Problem zu getestetem Prototyp:

  • 2 Tage Problem verstehen
  • 2 Tage Lösungen skizzieren
  • 2 Tage Entscheiden
  • 3 Tage Prototyp bauen
  • Tag 10: Echte Erfahrungen sammeln

IBM berichtet von 75% Zeitreduktion – von acht Monaten auf drei bis vier. Das Google Ventures Portfolio zeigt 5- bis 10-fachen ROI auf Design-Sprint-Investitionen.

Aber ehrlich? Die Zahlen sind fast zweitrangig. Was zählt: Du bekommst in einer Woche echtes Feedback von echten Menschen. Keine Annahmen mehr. Klarheit.

Digitale Kommunikation als MVP

Die MVP-Logik funktioniert nicht nur für Produkte – sie funktioniert auch für Kommunikation. Statt sofort auf allen Kanälen präsent zu sein, startest du mit einem minimalen Channel-Mix. Fokussiertes Messaging. Klare KPIs. Dann iterierst du.

Es ist der «Minimum Viable Brand»: Der kleinste glaubwürdige Auftritt, der genug Vertrauen aufbaut, um Gespräche zu führen. Nicht «Logo zuerst», sondern «klarer Nutzen plus Beweisfähigkeit».

Genug, um professionell aufzutreten. Genug, um zu testen. Nicht mehr.

Die Risiken – weil Transparenz wichtig ist

Natürlich gibt's auch Stolpersteine. Ich wär nicht ehrlich, wenn ich die verschweigen würde.

Ethik beim Testing: Wenn du Features testest, die noch nicht existieren, musst du fair sein. Nutzer, die auf einen Button klicken und dann «kommt bald» sehen, müssen das verstehen. Sonst riskierst du Vertrauen.

Zu früh skalieren: Ein erfolgreicher Test mit 50 Nutzern heisst nicht automatisch Erfolg mit 50'000.

Endlos testen: Irgendwann muss man den Sprung wagen. Testing kann auch zur Ausrede werden.

Technische Schulden: Quick-and-dirty Prototypen, die «irgendwie» in Produktion gehen, können später teuer werden.

Warum jetzt der richtige Zeitpunkt ist

Es war noch nie so einfach, sein digitales Produkt vor dem Launch zu testen. Die Tools sind da. Die Methoden sind erprobt. Die Kosten überschaubar.

Es wird eine Flut innovativer Ansätze geben. Wer diese Möglichkeiten nutzt, hat einen massiven Vorteil gegenüber allen, die noch nach dem alten Schema arbeiten: erst bauen, dann hoffen.

Und ja – das kann auch unter einem Codenamen passieren. Ein Test muss nicht deine finale Marke tragen. Du kannst experimentieren, lernen, iterieren, bevor du öffentlich wirst.

Der digitale Touchpoint als Investition

Im Verhältnis zu anderen Ausgaben – Infrastruktur, Personal, Marketing – ist der digitale Touchpoint einer der wichtigsten Berührungspunkte. Er ist 24/7 verfügbar. Er skaliert. Er ist messbar.

Der initiale Aufwand für sauberes Denken, Testen und Iterieren lohnt sich. Nicht als einmaliges Projekt, sondern als Haltung.

Deswegen arbeiten wir bei greg.design mit klaren Ausgangssituationen. Regelmässige Sparring-Sessions, dokumentierte Roadmaps, definierte nächste Schritte. Nicht weil wir Struktur fetischisieren, sondern weil wir wissen: Wer den Weg kennt, trifft bessere Entscheidungen.

Was bleibt

Die Welt hat sich verändert. Die Tools haben sich verändert. Die Möglichkeiten haben sich verändert.

Was gleich geblieben ist: Der Wunsch, etwas Wertvolles zu schaffen. Produkte, die Menschen wirklich nutzen. Marken, die Vertrauen aufbauen. Kommunikation, die ankommt.

Der Unterschied ist, wie wir dorthin kommen.

Nicht durch Raten. Nicht durch Hoffen. Sondern durch Lernen, Testen, Iterieren.

Die Spielwiese ist bereit. Die Frage ist nur: Wann betrittst du sie? 🚀

Weiterführende Quellen

MVP & Lean Startup

Testing & Validation

Design Sprints

Low-Code / No-Code

Branding & Kommunikation

Startup-Statistiken

Wer wir sind

Greg.design ist ein kreatives Studio, das mit einem Netzwerk von kreativen Fachleuten zusammenarbeitet, um Lösungen für Schweizer Startups und KMUs zu bieten.

Wir unterstützen bei zukunftssicheren Rebrandings, bewältigen kreative Herausforderungen und fördern die Entwicklung digitaler Produkte – von der Strategie bis zu modularen Styleguides.

Klingt interessant? Dann lasst uns reden!